Traumzaubereien

Traumtagebuch, Traumlexikon, Traumanalyse, Urlaubsträume, Gedanken, Humor, Geschichten, Texte und Träumereien über Alltägliches

diary, dream analysis, dream dictionary, dream magic, visions, dream symbols, fun, satire, stories, texts and dreams about everyday life

Freitag, 2. Juni 2017

Schleudertrauma in Mockrehna - oder: Wie kommt die Axt in den Kirchturm?

Kirchturm Mockrehna mit Axt




Die Axt im Kirchturm


Da oben ist die Axt zu seh'n
an der Turmspitz' in luftigen Höh'n.
Geworfen mit viel Kraft und Wut
steckt sie fest und sitzt sie gut.

Auf dem Rückweg von einem Kinderfest habe ich am Axtschleudern in Mockrehna teilgenommen. Aber ich habe weit mit hoch verwechselt. Tja, nun muss der Pfarrer zusehen, wie er das Ding von da oben wieder runter bekommt!





Wie kommt die Axt in den Kirchturm? Und was hat eine Maus damit zu tun?


Kita Zwergenland in Zwethau
Wie komme ich überhaupt in solch einen gottverlassenen Ort? Mockrehna ist ein kleines Dorf in Nordsachsen nahe der Dübener Heide zwischen Torgau und Eilenburg. Das Dörfchen liegt auf dem Weg zu meinem Kindertagsauftritt als Zauberclown. Eingeladen haben mich die Kinder der Kita Zwergenland in Zwethau. 25 Dorfkids von 2 bis 6 Jahren freuen sich auf Clownerie, Mitmachzauberei, Luftballonfiguren und meine Star-Zaubermaus Heidi. Damit beginnt das Dilemma. Inzwischen absolviere ich Clowns-Auftritte routiniert und gelassen. Mein Adrenalinspiegel baut sich allmählich in den ersten Veranstaltungs-Minuten auf. Diesmal jedoch schießt er bereits vor Beginn von Null auf Hundert: Am Ziel ist die Künstlermaus Heidi verschieden. Einfach so. Sie liegt mausetot im Transportkörbchen. Für Trauerarbeit bleibt keine Zeit, denn in wenigen Minuten beginnt mein Auftritt und die Maus ist der Höhepunkt der Show. Und nun?


Zauberclownine mit neuer Zaubermaus
Ein Papa, der vor der Kita eine Rauchpause macht, entpuppt sich als Retter. Im Affentempo fährt er die fünf Kilometer nach Torgau und "besorgt" eine neue Maus. Sie ist jung, handzahm und augenscheinlich ziemlich talentiert. Denn nicht jede Farbmaus ist als Zirkusmaus geeignet, balanciert übers Seil oder klettert eine Leiter nach oben. Das macht eine Maus ausschließlich freiwillig. Wenn ein Mäuschen nicht will, dann hilft auch kein Training. Bei mir leben etwa 30 ungeeignete Zirkusmäuse ein glückliches Mäuseleben in einem geräumigen Mäuseschrank. Die frischgebackene Ersatzkünstlerin klettert hingegen sofort furchtlos ins große Märchenbuch, aus dem sie später hervorgezaubert wird, und auch auf dem Hochseil macht sie sich recht gut - für den Anfang. Ok, die Maus bleibt einfach in der Mitte des Seils sitzen und putzt sich. Doch die Kinder sind begeistert. Streicheln lässt sie sich auch. Die Vorstellung ist gerettet. 

Kirche Mockrehna (unscharf), rechts unten Drivy-Schlitten

Auf der Rückfahrt erinnere ich mich an die Axt im Kirchturm, die ich auf der Hinfahrt bereits bewundert habe. Ich halte an und knipse. Meine Fotos sind die besten Bilder von der Axt im Kirchturm Mockrehna, die bislang im Netz zu finden sind. *schwör* Außerdem schwöre ich, dass mein Adrenalinpegel ausgereicht hätte, um ein Beil bis zur Kirchturmspitze zu schleudern. Aber mir ist mal wieder jemand zuvorkommen! Martin Pumphut heißt der Typ, der bereits 1705 sein Zimmermannsbeil in den Kirchturm gespickt haben soll - so erzählt es die Legende. Wikipedia berichtet in einem mageren Satz davon. Etwas ausführlicher findet man die Geschichte von der Axt im Kirchturm auf dem Blog Orangeletters. Aber ihr müsst sehr tapfer sein, wenn ihr diesen Text lesen wollt. Er strotzt vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Ein anderer Artikel kann es besser. Ich fasse die Infos mal für euch zusammen.


Wenn ein Geselle in der Fremde das Maul aufreißt ...



Martin Pumphut
... dann darf er sich über Schelte nicht wundern. Martin Pumphut war ein solcher Geselle und befand sich 1705 auf der Walz. Als Zunftzeichen trug er eine Zimmermannsaxt bei sich. Müller nutzten ebenfalls solch eine Axt. Die Ernte war gut ausgefallen und alle Leute - Einheimische wie Auswärtige - feierten gemeinsam im Dorfkrug zu Mockrehna. Das Bier floß in Strömen. Auch Martin Pumphut langte kräftig zu. Allerdings konnte er sein freches Mundwerk nicht im Zaum halten und verspottete den ortsansässigen Müllermeister, der darüber nicht erfreut war. Es ging um dessen angeblich unscharfe Axt. Selbst der Dorfjugend war der fesche Bursche bald ein Dorn im Auge, denn er holte sich die schönsten Mädchen zum Tanz. Und er tanzte sehr eng mit ihnen. Dabei war es ihm egal, ob die jeweilige Maid schon jemandem versprochen war. Nur der Wirt war von dem jungen Mann mit dem auffälligen Hut begeistert - sorgte er doch in den Tanzpausen mit Zaubertricks für Unterhaltung und obendrein für mächtig Umsatz.


Kirche Mockrehna
Ein weitgereister Müller aus Torgau kam hinzu und erkannte in diesem Gesellen sofort den berüchtigten Martin Pumphut, der schon in vielen Orten vom Spreewald über die Oberlausitz bis hinunter nach Tschechien seinen Schabernack getrieben und sich an keine Regeln gehalten haben soll. "Ergreift ihn, packt ihn! Das ist der Bursche, der aller Welt übel mitspielt. Er ist mit dem Teufel im Bunde. Entreißt ihm sein Beil, darin steckt seine Zauberkraft", forderte der Torgauer Müller lautstark. Darauf hatte die Dorfjugend nur gewartet. Im Nu entstand ein großer Tumult (heute würde man Kneipenschlägerei dazu sagen). Bevor die Männer ihn ernsthaft fassen konnten, lief Martin Pumphut zur Tür hinaus und rief: "Ihr wollt mein Beil? Ihr sollt es haben!" Drohend stand er vor der wütenden Menge und holte aus. Ein Zischen und Brausen ertönte. Alle duckten sich, denn sie dachten, dass er die Axt nach ihnen geworfen hätte.


Axt im Kirchturm von Mockrehna
Ein blecherner Schlag ließ die Leute aufschauen. Hoch oben in der Kirchturmspitze hatte sich das Beil verkeilt - von da an bis in alle Ewigkeit. Martin Pumphut selbst war verschwunden. Angeblich hätte jemand gesehen, wie er seinen großen Hut über die Friedhofsmauer warf, hinterhersprang und sich hinter einem Grabstein in Luft auflöste. Seitdem tauchte er nie wieder auf. Die historische Figur Martin Pumphut gab es wirklich. Viele Geschichten rankten sich um den jungen Kerl, der magische Kräfte besessen haben soll. Die Gebrüder Grimm schrieben über ihn und selbst Otfried Preußler widmete dem jungenen Zauberer Pumphut zwei Kapitel in "Krabat". Im nordsächsischen Mockrehna verläuft sich die Spur des Martin Pumphut. Vielleicht handelt es sich bei seinem Verschwinden um einen nie aufgeklärten Mordfall aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts, an den die Axt im Kirchturm von Mockrehna erinnern soll. Wer weiß.



Träumt schön!

Traumzauberhafte Grüße, Claudia


Text und Fotos: Claudia Göpel
Bild-Quelle Skulptur Pumphut: Orangeletters
Quellen der Pumphut-Sage: Martin Pumphut bei Wikipedia und Sachsen-Lese - frei nach "Sagenhafte Geschichte zwischen Elbe und Mulde", Wartburg Verlag, Weimar, 2006


2016 - 2017 - R.I.P. Zaubermaus Heidi 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen